Wessumer Geschichten

 

Auf dieser Seite finden Sie ab sofort einige Geschichten aus dem Wessum der vergangenen Jahrzehnte. Es geht um die Art und Weise, wie es sich in Wessum vor 50, 80 oder 100 Jahren lebte, welche Gewohnheiten unsere Vorfahren hatten und woran sie sich am Verlauf eines jeden Jahres orientierten.

Diese Geschichten wurden bei den Küeroabenden zusammengetragen, die in Laufe vieler Jahre beim Heimatverein stattfanden. Moderator Werner Hilbring führte die Gesprächsrunden zum einen mit Wessumern, die über das Leben um die Jahrhundertwende berichteten, zum anderen ging es um die Kriegsjahre und noch später um die 50er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts.
Wir möchten die Ergebnisse dieser Küeroabende nun allen interessierten Lesern zur Verfügung stellen. Die Veröffentlichung ist sporadisch, der Jahreszeit oder den Ereignissen angepasst.


Viel Spaß bei der Lektüre.


Folgende Personen haben mitgewirkt:

Hermann Gehling, Hermann Hilbring, Aloys Hollekamp, Josef Hüßler, Heinrich Temming, Heinrich Gerling, Gerhard Fleer, Johann Uhling, Josef Nienhaus, Alfons Grotenhoff, Werner Elfering, Josef Beßler, Franz Schepers, Josef Nienhaus, Werner Herbers, Josef Böcker, Klara Herbers, Luise Weßling, Agnes Bütterhoff, Maria Rolving, Elisabeth Hassels-Lütkenhoff

(Alle Erzählungen wurden aus dem Gedächtnis heraus aufgeschrieben und erheben keinen Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit.)

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Rette deine Seele um jeden Preis - Andenken an die heilige Mission 1888

 

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Andenken an die heilige Mission 1888
Andenken an die heilige Mission 1888
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Hochzeiten mit allen Traditionen und andere Familienfeste


Kennenlernen

Das Ausgehen von Jungen und Mädchen war früher eine eher seltene Sache. Es gab wenig Feste und Gelegenheiten, die zum Freien genutzt werden konnten. Ein erster Schritt zum Heiratsmarkt begann häufig am Dreifaltigkeitstag, dem sog. Bekenntnissonntag. Dieses war häufig der Sonntag, an dem es „offiziell“ von kirchlicher Seite erlaubt war, dass Jungen und Mädchen zusammen ausfahren. Eine Predigt in der Kirche wurde speziell für die Jugendlichen aus dem Dekanat gehalten und somit ließen es auch die Eltern zu, dass ihre Kinder ausgehen durften. In der Kirche wurde es aber auch nicht versäumt, darauf hinzuweisen, dass die Jungen bei den Soldaten angeblich alle verdorben worden waren, da sie dort „viel Schlechtes und Böses“ erfuhren.
Ab und zu gab es im Ahauser Stadtpark ein Zeltfest. Dieses Fest, auch „Büllekesball“ genannt, war häufig eine Gelegenheit von Eltern, ihre Kinder zu vermitteln. Letztlich war es oft eine Frage der Mitgift. (Vermittelte jemand anders, bezeichnet man diese Aktion als „Hut verdienen“.) Die Mädchen saßen bei den Festen immer bei den Eltern und so waren auch stetes die Eltern zu fragen, ob man mit dem Mädchen tanzen durfte.
Nicht selten war es ein großes Anliegen der Eltern, zuerst die ältesten Mädchen unter die Haube zu bringen. Das Motto lautete: „Denn Stuten wött immer von bowwen anschnedden.“ Länger zurück (ca. 100 Jahre) liegen noch andere Rituale. Wenn der junge Mann es geschafft hatte und das Mädchen zu Hause besuchen durfte, wurden beim Essen Hinweise gegeben, ob die Eltern mit der Beziehung einverstanden waren oder nicht. Falls sie den Jungen nicht wiedersehen wollten, wurde ihm im Pfannkuchen ein Tuch mit gebacken oder es wurde ihm ein Löffel, statt Messer und Gabel, dazu gereicht. Aber auch wenn man mit der Verbindung einverstanden war, traf man sich nicht so häufig. I. d. R. verabredete man sich mittwochs (Kommoabend, Steckoabend, Buckoabend) und sonntags. Ein Besuch am Samstag war eher die Ausnahme. Nicht selten sah man sich auch nur alle 14 Tage.

 

Verlobung
Eine Verlobung war nicht immer üblich. Wenn sie gefeiert wurde, dann auch nur im engsten Familienkreis mit den Onkel und Tanten. Hin und wieder gab es auch eine kirchliche Verlobung, wozu der Pastor eingeladen war. Es wurde stets dort gefeiert, wo die Braut herkam, es sei denn, eine Hausbraut war verkuppelt worden.
Bei den Bauern feierte man auf der Tenne. Das Fest bestand zunächst nur aus gutem Essen und Trinken. Später wurde auch auf dem Trecksack Musik gemacht. I. d. R. gab es zur Verlobung Aussteuergeschenke und Haushaltsartikel. Wenn die Verlobung wieder zu Bruch ging, mussten diese Geschenke zurück gegeben werden.
Auch wenn die Ehe versprochen worden war, durften die Brautleute nicht unter einem Dach schlafen. Interessant ist auch ein Missionsblatt von 1892 (s. u.) mit Regeln, die von der Kirche aufgestellt worden waren. War die Ehe schließlich versprochen und man hatte geschlechtlich verkehrt, dann galt die Ehe als vollzogen und konnte nicht geschieden werden. Das Spenden des Sakramentes in der Kirche war lediglich ein Absegnen durch den Pastor. 

 

Verkündigung – Schatten – Gratulieren

Vor der Hochzeit musste schließlich das Aufgebot bestellt werden. In der Kirche hieß es dann „van’n Präkstool schmieten“. An drei Sonntagen nacheinander (direkt vor der Hochzeit ) wurde dann in der Kirche bekannt gegeben, dass das Paar beabsichtige zu heiraten.
Nach der 1. Verkündigung wurde dann das „Schatten“ oder „Grallärn“ gefeiert. Dieses Fest fand bei der „Vermittlungsstelle“ statt. Es war ein Fest, bei dem der Bräutigam die Braut von den Nachbarjungen gegen Schnaps kaufen musste. Zu diesem Fest kamen außer den Nachbarn noch viele Gäste und z. T. war es üblich, dass ein kleiner Eintritt bezahlt wurde. Die „Rexjungs“ (Junggesellen aus der Nachbarschaft) organisierten das Fest und verwalteten die Einnahmen. Eines dieser Feste hatte ein derartiges Ausmaß angenommen, dass es 1946 von Pastor Knälmann offiziell verboten wurde, weil es zu hoch herging. Pastor Knälmann drohte damit, dass er nicht zur Hochzeit kommen würde, wenn ein „Schattfest“ stattfand.

Brutlaggsnögen – Koh haalen – Kränzen

Unmittelbar vor der Hochzeit gab es für die Nachbarn dann viel zu tun, zu feiern und Regeln einzuhalten. Es begann mit dem „Brutlaggsnögen“, dem Einladen der Gäste. Der nächste Nachbar und der Dodenbuer (i. d. R., auf jeden Fall aber immer zwei Nachbarn) hatten die Aufgabe alle Gäste, Nachbarn und Verwandte zu besuchen und zur Hochzeit einzuladen. Auf diese Art und Weise wurden alle eingeladen, die man mit dem Fahrrad erreichen konnte. (Lediglich Einladungen zur Silberhochzeit wurden manchmal von einem Einzelnen erledigt.)
Zunächst fuhr man also zur Braut, wo die Fahrräder geschmückt wurden. Dort gab es Essen und Trinken sowie Schnaps für unterwegs. Schließlich musste man sich bei der Braut, manchmal auch am Hochzeitshaus, abmelden und das Einladen begann. Dazu war man oft tagelang unterwegs. Bei den Gästen ankommend, spendierte man stets Schnaps aus der mitgebrachten Flasche, die schließlich immer wieder aufgefüllt wurde. Somit hatte man abends ständig –zig verschiedene Sorten Schnaps in einer Flasche.
Ein weiteres Fest für die Nachbarn war das „Koh halen“. Eine Kuh, die die Braut häufig als Mitgift mitbekam, musste gekauft werden und wurde anschließend von den Brautleuten wieder abgekauft. Dieses Handeln war eigentlich nicht nötig, sondern nur improvisiert um für die Nachbarn einen Anlass zum Trinken zu finden. (Hier gab es je nach Ort verschiedene Bräuche.)
Ansonsten war die Mitgift schon eine wichtige Sache. Je nach Rang bekam die Braut eine Kuh oder ein Pferd als Mitgift (bei den Bauern). Diese wurde hinter den Kisten am Wagen angebunden, wenn die Aussteuer der Mädchen, in Kisten verpackt, zum Hochzeitshaus gebracht wurde. Für dieses „Kistenwagenförn“ war der Dodenbuer zuständig.
Die Brautkuh blieb schließlich auf dem Hof und hatte im Stall den ersten Platz. Außerdem durfte sie nicht verkauft werden.
Natürlich war es wichtig, dass das Mädchen eine gute Aussteuer hatte und die Kisten voll waren. Schließlich mussten die Schränke zur Hochzeit voll sein. Speziell für das Nähen aus altem Leinen gab es eine Näherin (Wittnäister), die insbesondere auch Nachthemden nähte und beim Einpacken der Schränke half.
Früher waren Hochzeiten i. d. R an einem Dienstag. Somit mussten die Nachbarn schon am Sonntag Grün holen und Kränzen. Nachmittags gingen die Jungen in den Wald und holten Grünzeug. Als Proviant bekamen sei Schnaps. Die Frauen hingegen bekamen mittags schon Kaffee, während die Jungen erst Kaffee bekamen, wenn sie aus dem Wald zurück kamen. Das Röschenmachen fand jedenfalls erst abends statt. Diese Feier war meistens beim nächsten Nachbarn und nur vereinzelt am Brauthaus. Am Montag wurde dann der Kranz aufgehängt.

 

Hochzeit

Am Dienstag war schließlich Hochzeit. Für die Nachbarjungen begann der Tag bereits um 5.00 Uhr mit dem Schießen mit „Kabittbüchsen“. Um 8.00 Uhr in der Schulmesse war dann die Trauung. Nach der Messe ging das Brautpaar im engsten Kreis, mit Eltern, Geschwistern, Trauzeugen, nächsten Nachbar und Dodenbues, nach Hause. Der Dodenbuer fuhr dabei wieder die Kutsche oder das Gick. (Wenn die Leute selbst zu Hause genug Platz hatten, fand die Feier dort statt, ansonsten war sie auch schon einmal bei einem Bauern.) Anschließend war der Termin beim Fotographen.
Ab 11.00 Uhr kamen dann die Onkel und Tanten dazu. Wenn die Brautleute das Haus betragen, wurde ihnen vom Nachbarn oder von den Eltern zur Begrüßung ein Getränk entgegengebracht. Das Mittagessen folgte pünktlich zwischen 12.00 Uhr und 13.00 Uhr. Weiterhin war es mancherorts üblich, dass das Brautpaar mit den Trauzeugen nach dem Mittagessen zum nächsten Nachbarn ging und Kaffee und Kuchen gereicht wurde. Nach dem Abendessen war schließlich Tanz für alle. Schon nach dem Brauttanz kam das „Brut uttrecken“. Dabei wurde viel getrunken und mit der Brautmutter Geld ausgehandelt, was später die Nachbarn bekamen, um eine weitere Feier zu halten (silbernen Bodden vertäärn). Dieser Brauch war allerdings nicht überall üblich und wurde verschieden gehandhabt.
Interessant ist sicherlich auch, dass der Postbote und der Aussteuerlieferant, z. B. Elfering, zur Hochzeitsfeier eingeladen wurden. Elfering durfte übrigens auch den Brautwagen fahren, als es in Wessum die ersten Autos gab.
I. d. R. wurde eine Hochzeit zwei Tage lang gefeiert. Der zweite Tag war ein Fest für die Nachbarn, die am ersten Tag alle helfen mussten. Der nächste Nachbar musste übrigens kochen. Am zweiten Tag brachten die Nachbarn schließlich auch Schinken oder „halben Kopp“ mit. Ganz vereinzelt gab es noch einen weiteren dritten Tag zu feiern.
In der Advents- und Fastenzeit gab es generell keine Hochzeiten.
Standesamtlich wurde i. d. R. erst einen Tag vor der kirchlichen Hochzeit geheiratet. Dazu gab es keine Feier, sondern man ging lediglich nur den Trauzeugen zum Amt.
Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch, dass über das erstgeborene Kind eines Kötters, der in einer „Lieftucht“ wohnte, der Eigentümer der Lieftucht Taufpate wurde.

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Geschäfte in Wessum um das Jahr 1900


Die Zusammenstellung dieser Liste geht auf einen Gesprächsabend aus dem Jahr 1980 zurück. Daran teilgenommen haben sechs (mittlerweile verstorbene) Wessumer Bürger, die um die Jahrhundertwende geboren wurden. Das Ergebnis dieses Abends ist sicherlich diese umfangreiche Liste, aber auch die erstaunliche Feststellung, dass in fast jedem zweiten Haus im Dorf Wessum ein  „Geschäft“ war. Hinzu kommt, dass alle mit einem mehr oder minder großem landwirtschaftlichem Zu- oder Nebenverdienst verbunden waren. Und ebenso erstaunlich ist, dass so viele Leute in Wessum ihren Lebensunterhalt für ihre meist kinderreichen Familien auf dieser Basis erwirtschaften konnten.
Die Geschäfte waren häufig eine Kombination von Handelsartikeln, etwa Tabakwaren und Süßigkeiten, Kohlehandlung und Schreibwaren u. ä.
Hier aufgelistet sind nun die Namen, die plattdeutschen Namen und die Handelswaren, sortiert nach Straßen.

 

Lange Straße – jetzt Wesheimstraße:
Elfering                   Gerds                   Textil- und Kolonialwaren
(Elfering kaufte außerdem Schinken und Speck im Dorf auf.)
Wissing                   Breuls                  Optiker und Uhrmacher
Buddendick           Preckel                 Bäckerei
Benölken                                              Eierhandel und Kolonialwaren
(Benölken betrieb die erste Milchfuhre in Wessum und im Averesch.)
Laing                       Schoaps               Galoschenmacherei
Kramer                   Backpoater          Bäckerei
(Zu diesem Geschäft brachten die Leute Milch, Mehl, etwas Butter oder Schmalz und manchmal sogar Salz. Dieses wurde als Teig angerührt, mit Namen versehen und dann gebacken. So bekam jeder sein eigenes Brot zurück. Besonders guter „Stuten“ wurde mit „Bessmelk“ gebacken.)
Kramer                   Ossenpoater        Imkerei
Hassels                                                  Gaststätte
Kemper                  Klumpen               Baugeschäft
Wissing                  Jauns                      Gemischtwaren
(Dieser Laden war vermutlich der älteste in Wessum)
Gesenhues           Vickerei                  Eierhandel
Nienhaus              Schulten                 Stellmacherei
Thesing                 Knickert                  Schreinerei
(Thesing war sehr bekannt als Bauschreiner. Er hat u. a. den Kirchturm und das Krankenhausdach gebaut sowie das Kappendach auf dem Saal Terhaar in den Jahren 1929/30.)
Nünning             Luks                          Fahrräder und Nähmaschinen
Buddendick       Asbrook                   Baugeschäft
Gerling                Böpen                      Kolonialwaren
Temming            Kocks                       Kolonialwaren
Temming            Kocks                       Putzmacherei
Rollofzen             Schnieders Joop   Schuhmacherei und Schuhgeschäft
Grubbe                                                 Eierhandel und Kolonialwaren
Schaten               Schonkers              Fahrräder, Schmiede und Eisenhandlung
Könemann                                           Baugeschäft
Rörick                  Schnieders             Schneiderei
Bültjann (später Luthe)                   Gaststätte
(Das Geschäft war an der Stelle der heutigen Altenpflegeschule.)
Hoff                      Kottmann              Stuhlmacherei
Tenbreul             Lammers               Schneiderei und Tuchhandel

Kirchplatz:
Enk                      Klein-Dues             Kolonialwaren
Wittland             Speckert                 Kolonialwaren
Luthe                                                   Bäckerei
Bertling              Kösters                   Kolonialwaren, Drogerieartikel und Büroartikel
Uhland               Jühngerd                Schuhladen und Schuhmacherei
Herbering         Hokanne                Schreibwaren und Kohlenhandlung
Janning                                               Schneiderei
Effing                 Pöskes                    Schuhmacherei und Lebensmittel
Niewerth           Jan Näwing           Kolonialwaren
(Niewerth kaufte ebenfalls Schinken und Speck im Dorf auf.)
Buss                   Mehlgeschäft

Schulstraße:
Rademacher                                     Schneiderei
Gebker              Stoolbennards     Drechslerei und Stuhlmacherei
Gebker              Sieseken                Baugeschäft
Weiper                                               Kolonialwaren und Klempnerei
Kappelhoff       Gerres                    Schreinerei
(Die Räume dieser Schreinerei übernahm später der Sattler Alfons Scheffner.)
Terhaar                                              Anstreicher
Böcker                                               Gaststätte, Kolonialwaren, Getreide- und Kunstdünger-Handlung
Bertling             Betts                       Schmiede
Nienhaus                                          Lebensmittel, Bäckerei, Schankwirtschaft
(Die Bäckerei Nienhaus war für ihr Schwarzbrot weit über die Grenzen Wessums hinaus bekannt. Das „echte westfälische Schwarzbrot“ wurde auch in umliegende Orte verkauft.)
Terhaar             Bettelmann          Gaststätte
(Der Sohn Josef eröffnete hier später die erste Metzgerei.)
Säcker                                                Mühle, Lohndrescher, Nahverkehr
(In der Schulstraße wohnte auch Hermann Wissing, gen. Jürks Groten. Er leitete um 1900 eine eigene Musikkapelle, die auf Hochzeiten und zu besonderen Anlässen spielte. Der Bekanntenkreis dieses Mannes reichte bis nach Holland. Hermann Wissing wurde auch „Kapellmester“ genannt.

 

Jakobistraße:
Niewerth-Jungkamp    Krüss           Lebensmittel, Kolonialwaren, Eierhandel
Kottland                                               Schuhmacherei
Thesing                           Stripert       Kolonialwaren
Heßling (Gertrud)    Rattmann       Hausschneiderei
Tenbreul                     Lammers        Schneiderei und Tuchhandel
Scheffner                    Ameronn        Anstreicher
Bertling                       Puchherm      Bäckerei
(Im gleichen Geschäft betrieb Josef Hüßler später einen Laden für Rauch- und Süßwaren.)
Klümpers und Bertelmann             Damenschneiderei
(Im Hause Stackerts, früher Lambetts, wohnte Lena Kollet. Sie war die erste Hausschneiderin in Wessum. Sie hatte ihren festen Kundenkreis und nähte bei den Leuten neue Kleidungsstücke nach Maß, änderte alte Kleidung oder führte Flickarbeiten aus.)
Mensing                     Schlopp           Feldhüter
(Wie die Berufsbezeichnung bereits angibt, sorgte Mensing in Feld und Flur für Ordnung. So achtete er u. a. darauf, dass die Kinder im Sommer kein Getreide zerstörten und in den Gemarkungen keinen Unfug machten.)

Ahauser Straße -  jetzt Hamalandstraße:
Kappelhoff                 Schnieder Lammers     Mühle, Drescher, Nahverkehr
Buddendick               Deckers                            Baugeschäft, Architekt
Bessler                        nejn Timmermann        Bau- und Möbelschreinerei

Bahnhofstraße – heute Eichenallee:
Konert                                               Mühle, Lebensmittel
Gerwing              Hagen Joop        Molkerei und Wirtschaft

Kurze Straße – jetzt Leinenstraße:
Terhalle               Kotte                     Stellmacherei
Brüning               Knickebernd       Kolonialwaren und Hutgeschäft
(Der Inhaber dieses Geschäftes stellte außerdem Bescheinigungen für Viehtransporte aus.)
Bertling               Andrees               Schneiderei und Frisör
Wissing               Schoolmester     Hutladen und Schulsachen
Kösters               Backer-August    Bäckerei
Vöcking              Germkes               Bäckerei und Lebensmittel
Brüning              Huhnker               Schmiede
(Der Schmied Brüning galt als der Mann mit dem größten Vermögen in Wessum.)
?        Dirks Mijken        Hausschneiderin

 

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Allerheiligen und Allerseelen


Allerheiligen war seit eh und je ein Feiertag. Allerseelen war ein Feiertag, ähnlich wie Hl. Drei Könige, d. h. diejenigen, die in Arbeit standen (z. B. Fabrikarbeiter), gingen zur Arbeit, während Bauern und Selbständige die Arbeit ruhen ließen und einen Visitentag daraus machten. Selbstverständlich war für alle jedoch der Kirchgang.

 

Am Allerseelentag musste jeder Priester drei Messen halten. Häufig war es der Fall, dass an verschiedenen Stellen in der Kirche eine Messe gefeiert wurde, die dann leider auch nicht zeitglich waren. Oft feierte ein Priester vor einem Seitenalter eine Messe, an der nicht einmal Messdiener teilnehmen mussten.

 

Am Allerseelentag war nach der Schulmesse eine Prozession zum Friedhof. Man ging klassenweise und stellte sich paarweise auf. Dabei herrschte eine bestimmte Reihenfolge, zunächst die Kinder nach Alter, dann Frauen, dann Männer. Auf dem Weg von der Kirche zum Friedhof wurde von den Kindern mit einem Vorbeter der Rosenkranz gebetet. Wenn man auf dem Friedhof vor dem Kreuz ankam, teilte sich die Prozession nach beiden Seiten auf. Schließlich sprach der Priester einige Gebete und segnete die Gräber mit Weihwasser.

 

Insgesamt ging man früher nicht so oft zum Friedhof wie heute. Speziell zu Allerheiligen wurden aber auch schon damals die Gräber überholt. Man bastelte selbst Kränze, die über das hölzerne Kreuz gehängt wurden. Manchmal hingen sie dort bis Ostern. Ansonsten machte der Friedhof eher einen verwahrlosten Eindruck. Erst seit Pfarrer Scharmann ist die ganze Anlage wesentlich gepflegter. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden übrigens auch die Graeser Mitbürger noch in Wessum beerdigt.

 

Ablass

Die Gläubigen in einer Gemeinde konnten ab Allerheiligen für die Verstorbenen Ablässe beten. Beginn dieses „Totius-Ablasses“ war nach dem Hochamt. Er bestand aus jeweils 6 Vater unser, 6 Gegrüßet seist du, Maria und 6 Ehre sei dem Vater. Acht Tage Vorher musste man gebeichtet haben und acht Tage nachher die Kommunion empfangen. Man betete um die Wette, denn es war wichtig, dass man so viele Ablässe wie möglich hatte. Und man betete solange, bis niemand mehr in der Kirche war. Nach jedem Ablass musste man kurz die Kirche verlassen. Dieses war natürlich sehr störend. Es gab auch Leute, die zwar an diesen beiden Tagen häufiger zur Kirche gingen, sich aber weiter vorne aufhielten, um in Ruhe für sich beten zu können.

 

Die Ablässe waren dazu da, um die Verstorbenen aus dem Fegefeuer zu erlösen. Man konnte auch extra Geld dafür spenden, nach dem Motto: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“

 

Wintergarderobe

Zu Allerheiligen wurde übrigens die neue Wintergarderobe vorgeführt, egal bei welchem Wetter. Das heißt auch, dass ein neuer Mantel unbedingt vor dem 01.11. gekauft werden musste, damit er pünktlich angezogen werden konnte. Die Mäntel waren dann häufig auch nach einem Winter verschlissen, da sie jedem Wetter und anderen widrigen Umständen (Fahrrad, schlechte Wege, keinen Schirm) standhalten mussten.

 

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Das Rosenkranzgebet im Oktober

 

Die wichtigste kirchliche Tradition im Monat Oktober war das Rosenkranzgebet. Sowohl morgens vor der Arbeit in der Kirche, als auch abends in den Familien versammelte man sich zu lang andauernden Gebeten.

 

Morgens war das Rosenkranzgebet schon vor der ersten Messe und nahezu jeder fand sich dann auch in der Kirche ein. Wer zur Arbeit musste, konnte dann nach dem Rosenkranzgebet die Kirche verlassen, die Übrigen blieben selbstverständlich auch noch in der Messe.


In den Familien wurde schließlich nach dem Abendessen gebetet. Zunächst die fünf Gesetze des Rosenkranzes und im Anschluss daran ein Gesetz für die „armen Seelen“. Diese lang andauernden Gebete gehörten zum Tagesablauf. Selbst wenn Besuch kam, hörte man damit nicht etwa auf, sondern der Gast schloss sich dem Gebet an.

 

Eine Regelung gab es insofern, als dass an bestimmten Tagen jeweils wechselnde Rosenkränze gebetet wurden (z. B. Freitag – schmerzhafter Rosenkranz).


In einigen Familien waren die Bräuche recht streng und man kniete zum Gebet nieder. Den jüngeren Familienmitgliedern wurde das Gebet oft zu langweilig. In der  Familie Schulze-Buschoff fand die vorbetende Oma häufig kein Ende und die übrigen Teilnehmer (Kinder aus der Familie und ein paar Gäste) trafen schon vorher Absprachen, wie man dem entgegentreten könnte. So fing man nach einiger Zeit mit mehreren an zu gähnen. Schließlich wurde das Gebet wegen zunehmender, ansteckender Müdigkeit abgebrochen.

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Rosenkranz
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Ostern

 

Ostern war ein wirklicher Feiertag. Bereits um 6.00 Uhr war die erste Messe und man ging zunächst in einer Prozession dreimal um die Kirche. Dabei schlug der Pastor immer mit dem Kreuz an die Kirchentür, rief von außen und der Küster antwortete von innen, natürlich in lateinischer Sprache. Nach dem dritten Rundgang wurde schließlich die Kirchentür geöffnet und unter Orgelklang zog die Gemeinde in die Kirche ein.
Ostern wechselte man übrigens auch die Garderobe. Der Wintermantel wurde weggelassen. Das Wetter spielte dabei keine Rolle.

Osterfeuer
Ab Osternachmittag wurde Stroh für das Osterfeuer geholt. Der „Schlachtruf“ dazu lautete: „Stroh hier för’t Osterfüuer!“ Allerdings war das Stroh sehr knapp oder wurde lieber im Stall gebraucht. Dafür bekamen die Kinder dann Bohnenstroh für das Osterfeuer. Manchmal begann man schon ab Weihnachten, Holz zu sammeln. Von überall wurde Holz zusammen getragen, wo man im Winter etwas geschlagen hatte. Vieles kam auch aus Tannenwäldern, weil hier das Abfallholz selten für die sog. Busken verwendet wurde. Außerdem wurden verdorrte Kränze vom Friedhof geholt. Manchmal wurde auf dem Feuer auch eine Puppe verbrannt.
Fast jede Nachbarschaft oder Straße hatte ein eigenes Osterfeuer und alle waren bestrebt, das größte Feuer zu haben. Abends wurde das Feuer schließlich angezündet. Dabei war die ganze Nachbarschaft versammelt. Das Anzünden des Feuers war immer ein kleiner Kampf, wer es zuerst schaffte: die Älteren oder die Jüngeren. Den Kindern war es selbstverständlich am liebsten, wenn das Feuer spät angezündet wurde, damit sie im Dunkeln noch aufbleiben konnten.
Schließlich hatten die Jungen besonderen Spaß daran, die Mädchen im Gesicht schwarz zu machen.
Neben diesen Bräuchen wurden selbstverständlich auch viele Osterlieder gesungen.

Ostereier
Am Ostermorgen gingen die Kinder Ostereier suchen. Am Vorabend hatte man Osternester gebaut, damit der Osterhase darin seine Eier – meist bunt bemalt – legen konnte. Ebenso wurden Eier versteckt, wobei den Kindern das Suchen besondere Freude machte. Oft ging man zusätzlich in den Wald, um dort die Eier zu suchen, die der Osterhase verloren hatte.
Ganz wichtig war natürlich ein Wettessen an Ostereiern. Während es das ganze Jahr fast keine Eier gab, wurde Ostern alles nachgeholt. In großen Haushalten wurden die Eier in einer Schürze (Vörbinder = blaue Halbschürze) im Kessel gekocht. Es war keine Seltenheit, dass jemand 10 bis 15 Eier aß.

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Passionszeit / Karwoche

Passionssonntag
Der Passionssonntag ist der fünfte Sonntag in der Fastenzeit, also der Sonntag vor dem Palmsonntag. Mit dem Passionssonntag wurde die Zeit des „Leidens Christi“ eröffnet.
Am Passionssonntag wurden die Kreuze in der Kirche in ein violettes Tuch eingehüllt. Das Hauptkreuz wurde schließlich am Gründonnerstag in ein weißes Tuch gehüllt. Die anderen Kreuze behielten das violette Tuch.

 

Palmsonntag
Am Palmsonntag merkte man schon, dass die Fasten so langsam zu Ende gingen. In der Kirche wurde es feierlicher. Sowohl am Palmsonntag, als auch am Gründonnerstag und am Karfreitag wurde die Passion (Leidensgeschichte) ganz gebetet.
In der Kirche gingen die Kinder mit den Palmstöcken zur Palmweihe. Die Stöcke wurden bunt geschmückt und mit Bildern behängt. Etwas Besonderes war es schon, wenn man Plätzchen, Äpfel oder Apfelsinen am Stock hatte. Nach der Palmweihe wurde der gesegnete Palm mit nach Hause genommen und hinter die Kreuze und Weihwassergefäße gesteckt. Außerdem wurde Palm gebraucht, wenn jemand versehen wurde. Darüber hinaus brachte man Palm zu Leuten, die sonst keinen gesegneten Palm bekamen. Was dann noch übrig war, wurde zum Vieh in den Stall gebracht.

 

Gründonnerstag
Gründonnerstag läuteten in der Kirche die Glocken während des Glorias. Dann verstummten sowohl die Glocken als auch die Orgel. (De Orgel geht noa Rom.) Auch zur Wandlung wurde nicht mehr geklingelt, sondern mit Holzkloppeln geschlagen. In der Kirche wurde ein Grab gebaut, eine Hostie zum Grab gebracht und der Tabernakel stand offen. Bis Ostern gab es dann keine Heilige Messe mehr.

 

Karfreitag
Am Karfreitag war bereits um 8.00 Uhr ein Gottesdienst oder auch „halbe Messe“ genannt. Dieses wurde recht spannend aufgebaut. Der Pastor lag dreimal auf dem Bauch vor dem Kreuz und anschließend wurde das Kreuz ins Grab gelegt. Am Nachmittag war eine Prozession mit dem Kreuz durch die Felder bis nach Buschoffs Linde.

Karsamstag
Am Karsamstag war morgens ein Gottesdienst mit der Weihe des Taufwassers und dem Abbrennen des Feuers. Diese Veranstaltung war jedoch nur mit Pastor und Messdienern. Die abgebrannte Asche wurde am nächsten Aschermittwoch für die Aschenkreuze verwendet.
Um 12.00 Uhr waren schließlich die Fasten offiziell zu Ende. Dann durfte auch wieder Fleisch gegessen werden.

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Febraur / März

 

Karneval


Öffentlichen Karneval gibt es in Wessum erst seit der Zeit nach dem Krieg, in Wüllen bereits vorher. Sonst ist es aus früheren Jahren auch nur von Ottenstein bekannt, in Wessum hatte der Karneval keine Bedeutung. Lediglich der „Krim“ feierte Karneval schon in den 30er Jahren. Der Krim ist das Gebiet der heutigen Wesheimstraße von Elfering bis Hassels. Zusätzlich feierten Wassing mit, die eigentlich zum „Saargebiet gehörten. Der Name Krim kommt von einem recht verkommenen Verbrecherviertel aus Enschede, das ebenso benannt war. Schon damals war der Karneval auf der Krim ein hoher Feiertag. Es wurde schon ein Prinz ausgeholt und es gab Kostüme. Wer dort mitfeiern wollte, musste für damalige Verhältnisse sehr viel bezahlen. Vor allem die Freunde der Mädchen, die dort wohnten, wurden besonders zur Kasse gebeten. Zum Fest gab es immer sehr viel Schnaps. Es begann schon um 16.00 Uhr und in früheren Jahren gab es um 18.00 Uhr ein Abendessen.
Später feierte man auch in anderen Nachbarschaften oder straßenweise Karneval. Dabei waren die Leute z. T. kostümiert. Die Dorfbevölkerung feierte in den Gaststätten, die Bauern auf der Tenne.

 


Bettage oder 40stündiges Gebet


Schließlich folgten die Bettage. Sie fanden genau zu Karneval, am Fastnachtssonntag, Rosenmontag und Rosendienstag statt. Diese Bettage wurden in der Kirche sehr wichtig genommen und die Priester wiesen ausdrücklich darauf hin, dass es eine schwere Sünde sei, nicht an den Bettagen teilzunehmen, sondern zum Karneval zu gehen.
An diesen drei Bettagen sollten die Gläubigen möglichst dreimal täglich zur Kirche gehen: um 6.00 Uhr die Messe, im Laufe des Tages die Betstunde und um 19.30 Uhr die tägliche Schlussandacht. Die eigentliche Betstunde fand dann jeweils gruppenweise statt: Frauen, Männer, Schulkinder etc. Viele Betstunden waren recht langweilig und man hörte Texte „höherer Theologie“. Besonders vor dem Krieg gab es noch Betstundenbücher, die vielen noch heute in schlechter Erinnerung sind. Später waren die Inhalte der Betstunden etwas interessanter. Während der Betstunden hielten immer einige Messdiener Wache. Sie mussten die ganze Zeit knien und waren froh, wenn einmal ein Lied gesungen wurde, so dass sie aufstehen konnten.  In einer Betstunde, der Vesper, wurde nur lateinisch gesungen.
Die feierliche Schlussandacht am dritten Tag um 19.00 Uhr war schließlich eine besondere Zeremonie und nicht zuletzt eine Demonstration der katholischen Kirche. Etwa 30 Messdiener und Engel – das waren Mädchen in weißen Kleidern und mit Blumensträußen – waren daran beteiligt. Es brannten überall Kerzen, es wurde viel Weihrauch verwendet und eine Prozession ging dreimal durch die Kirche. Währenddessen wurde gesungen: Dank und Ehre sei Dir, Herr Jesus, Gott und Erlöser …

 


Aschermittwoch


Am Aschermittwoch gab es in der Morgenmesse das Aschenkreuz. Es durfte im Laufe des Tages nicht abgewaschen werden.
Darüber hinaus ist Aschermittwoch seit eh und je Fast- und Abstinenztag, der früher strenger genommen wurde als Karfreitag. Man durfte nur einmal sattessen, oft gab es Kartoffeln mit Hering oder Struwen, aber alles ohne Speckfett. Einige Leute legten sich noch persönliche Opfer auf, z. B. rauchten sie nicht oder sie hörten kein Radio.

 

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Der Monat Januar

 

Neujahr

 

Am Neujahrstag wünschten sich alle ein glückseliges neues Jahr (Glück sei’s ’n Joahr),
als erstes gleich morgens nach der Messe und im Verlaufe des Tage dann überall, egal, wo man sich begegnete.
Man achtete darauf, dass man diesen Gruß als erster sagte – dann hatte man „gewonnen“.

Genau wie heute gingen auch schon früher am Neujahrstag die Kinder durch die Nachbarschaften und zu den
Verwandten, die im Dorf wohnten, um Neujahrsgrüße zu überbringen. Dabei gab es jedoch noch keine
großartigen Neujahrstüten, sondern es wurden Kleinigkeiten durch die Runde verteilt. Es gab Äpfel, Hörnchen oder anderes Gebäck, Nüsse und ganz selten schon einmal Karamellbonbons. Häufig wurden bereits eingesammelte Sachen, die man nach Hause gebracht hatte, wieder an andere verteilt.

Die Erwachsenen besuchten i. d. R. die nächsten Nachbarn. Es wurde jedoch noch kein Alkohol ausgeschenkt, sondern Kaffee und Kuchen oder eine Schinkenschnitte angeboten. Generell gab es früher nur sehr wenig Alkohol. War einmal der Anlass danach, wurde zunächst abgezählt und dann das Bier z. B. in Krügen aus der Gaststätte geholt.

Ganz bekannt waren auch die Neujahrsbriefe, die Schulkinder an ihre Eltern, Großeltern oder Paten verschickten. Diese Briefe waren gleichzeitig Dankesschreiben für die Weihnachtsgeschenke. Briefe an Paten wurden wiederum mit einem Geldgeschenk belohnt. In der Schule gab es Anleitungen, wie man diese Briefe verfasste.

 

Heilige Drei Könige

 

Das Fest der Heiligen Drei Könige am 6. Januar war zwar ein kirchlicher Feiertag, wurde jedoch nicht sonderlich streng genommen. Es wurden keine offiziellen Arbeiten verrichtet, sondern Heilige Drei Könige war eher ein Visitentag. Darüber hinaus wurde der Tag als Anlass für kleine Kinder genommen, die Krippe in der Kirche zu besuchen.

Diese Krippe war nur mit einem Kometen und den Heiligen Drei Königen geschmückt. Krippe und Weihnachtsschmuck blieben dort auch bis Maria Lichtmess (2. Februar) stehen, so lange war offiziell die Weihnachtszeit. Privat wurde der Weihnachtsbaum meistens direkt nach dem Fest der Heiligen Drei Könige abgebaut.
Sternsinger gab es früher noch nicht. Diese Tradition fand seinen Beginn um 1970 unter Pfarrer Scharmann.

 

Kokendage

 

Die Tage zwischen den Feiertagen bzw. die ersten Tage im neuen Jahr waren die so genannten „Kokendage“ für Knechte und Mägde. Bei den Bauern war diese Zeit i. d. R. recht ruhig und die Bediensteten bekamen drei Tage frei, um nach Hause zu fahren oder Verwandte zu besuchen. Am Benehmen der Bediensteten konnte man auch erkennen, ob sie zum „Koken“ gingen oder davon kamen. Bei diesen Kokendagen wechselten sich die Knechte und Mägde allerdings ab, damit es personell auf dem Hof nicht zu Engpässen kam. Teilweise wurden zu diesen Tagen auch Bedienstete ausgetauscht. Darüber hinaus gab es keinen Urlaub.

Visitentage

 

Wenn das Personal seine Kokendage beendet hatte, machten die Bauern ihre offiziellen Visitentage, um Verwandte zu besuchen. Man war unterwegs mit Gick, Kutsche (Unterschied nur in der Größe) oder im Landauer (offene Kutsche). (Gick hatte zwei Räder, Kutsche und Landauer 4 Räder.)
Schon zu Mittag traf man bei den Verwandten ein und nach dem Kaffee machte man sich wieder auf den Heimweg. Besonders reizvoll war es für Knechte oder ältere Kinder auf dem Hof die Pferde wieder einzuspannen, weil es dafür oft ein großzügiges Trinkgeld gab. Für die Zeit des Aufenthaltes standen die Pferde übrigens im Stall oder auf der Tenne.

Da die Wege oft lange dauerten, nahmen die Bauern in den Kutschen ein „Füerstöwweken“ (Unteroffizier) mit, um darauf die Füße abzustellen und sich zu wärmen Im Füerstöwweken  waren glühende Brikett, die gut angebrannt waren, damit kein Rauch entstand. Trotzdem entstand immer ein unangenehmer Geruch, wenn die langen Kleider angehoben wurden.

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